Katholisch-Theologische Fakultät
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Interreligiöse Sozialethik

11.12.2012

Sozialethik als interreligiöses Projekt

Veranstaltung an der LMU mit Beiträgen aus islamischer und christlicher Sicht

Angesichts der Rückkehr der Religionen in den öffentlichen Raum und der gesellschaftlichen Pluralisierung bedarf die interreligiöse Dimension sozialethischer Fragen verstärkter Aufmerksamkeit. Dies darf allerdings nicht auf Kosten von Rationalität gehen und erfordert eine dialogische Verhältnisbestimmung zu nichtreligiösen Teilen der Gesellschaft – so das Fazit einer gemeinsamen Veranstaltung des Lehrstuhls für Christliche Sozialethik und der Katholisch-Theologischen Fakultät der LMU am 11.12.2012.

Anlass für die Veranstaltung „Interreligiöse Sozialethik – christliche und islamische Reflexionen zu einer Theologie im Plural“ war die Ernennung von Dr. Hansjörg Schmid zum Privatdozenten für Christliche Sozialethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der LMU. Daran nahmen über 100 Personen Teil – neben Lehrenden und Studierenden unterschiedlicher Fakultäten und Gästen von anderen Universitäten waren es vor allem Multiplikatoren der interreligiösen und interkulturellen Arbeit in der Trägerschaft von Kirchen, islamischen Gruppierungen, Stiftungen und kulturellen Einrichtungen.

Dekan Knut Backhaus zeigte sich in seiner Begrüßung erfreut, dass die Veranstaltung ein ungewöhnlich vielfältiges Publikum angesprochen habe. Markus Vogt, Lehrstuhlinhaber für Christliche Sozialethik, zog in seiner Einführung Linien von der Tagung der Fakultät „Das Zweite Vatikanum in seiner und unserer Zeit“ (16./17.11.2012) und bezeichnete eine interreligiöse Sozialethik als Anwendung der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils zu den nichtchristlichen Religionen Nostra aetate auf die Pastoralkonstitution Gaudium et spes.

Es folgten zwei Vorträge, die sich aus christlicher bzw. islamischer Perspektive mit Möglichkeiten einer interreligiösen Sozialethik auseinandersetzten. Hansjörg Schmid zeigte auf, dass aktuelle Islamdebatten wesentlich von sozialethischen Fragen geprägt seien. Die in Europa zu beobachteten Schritte von Muslimen hin zu Interdisziplinarität und gesellschaftlicher Partizipation ähnelten in vielem der Situation der katholischen Theologie in den 1950er Jahren. Schmid entwickelte ein Modell des „vorsichtigen Vergleichs“, der es vermeidet, von vorgegebenen Entwicklungslinien der jeweils anderen Religion auszugehen, da diese dann implizit zur Norm gemacht würden. Anhand von zeitgenössischen muslimischen Positionen stellte er dar, dass Zivilgesellschaft und Säkularisierung zentrale Fragen des Dialogs sein können und forderte eine „interreligiöse Öffnung“ der Sozialethik. Messlatte dafür sei, dass Asymmetrien und Ungleichzeitigkeiten gerade nicht in ein Metasystem aufgelöst, sondern als hermeneutische Kategorien berücksichtigt würden, um gerade durch die Verschiedenheit eine wechselseitige Bereicherung zu ermöglichen  – so Schmid.

Harun Behr, Professor für Islamische Religionslehre an der Universität Erlangen-Nürnberg stellte anhand von aktuellen Entwicklungen in Ägypten dar, wie im Islam derzeit eine Privatisierung religiöser Autorität stattfindet, das er als „Demokratisierung des religiösen Wissensmanagements und Autonomisierung des Subjekts“ bezeichnete. Es gebe eine Tendenz hin zu einer teleologischen Verantwortungsethik, die die Grundlage für ein gemeinsames Gestalten der Gesellschaft bieten könne – so Behr. Damit kritisierte er eine Position, die nur von einer auf die monotheistischen Religionen begrenzten Toleranz ausgeht. Gerechtigkeit, Sicherheit und gesellschaftlichen Frieden benannte er als Leitkategorien einer islamischen Sozialethik und zeigte, dass sich Menschenwürde vom Koran her begründen lasse. Behr betonte schließlich, dass sich manche Differenzen überwinden ließen, wenn man Scharia nicht als „islamisches Recht“, sondern sachgemäßer im Sinne von Ethik versteht.

Die von Matthias Drobinski (Süddeutsche Zeitung) moderierte Diskussion wurde von zwei Statements eingeleitet: Professor Stephan Leimgruber regte an, sozialethische Fragen von Schülerinnen und Schülern zum Ausgangspunkt zu nehmen und benannte Solidarität, Gewalt und das Verhältnis der Geschlechter als zentrale Themenkomplexe. Professor Konrad Hilpert würdigte das Prozess-orientierte Verständnis einer interreligiösen Sozialethik und charakterisierte diese als „auf gemeinsame Probleme gerichtete, aber mit offenen Ohren und Augen für die anderen betriebene Sozialethik“, die nicht auf ein gemeinsames Minimum als Verständigungsbasis konzentriert sei.

In der anschließenden Diskussion ging es um die Fragen, welche Rolle Bezüge auf Bibel bzw. Koran für sozialethische Argumentationen spielen können und wie sich die innere Pluralität sowie unterschiedliche gesellschaftliche Kontexte auf das Projekt einer interreligiösen Sozialethik auswirken. Wirtschaftsordnung und Sozialpolitik wurden als zentrale Felder des interreligiösen Austauschs identifiziert. Gegenüber der Verständigung zwischen Organisationen wurde zunächst der wissenschaftliche Austausch zur interreligiösen Sozialethik als vordringlich bezeichnet, der auf Erfahrungen der interreligiösen Praxis zurückgreifen kann.

Die Veranstaltung machte deutlich, dass ein christlich-islamischer Dialog im Bereich der Sozialethik noch in den Anfängen steht, dass aber mit der entstehenden islamischen Theologie in Deutschland dafür neue Perspektiven gegeben sind, die sowohl gesellschaftlich wie wissenschaftspolitisch von großer Tragweite sind.

Literaturhinweis: Hansjörg Schmid, Islam im europäischen Haus.  Wege zu einer interreligiösen Sozialethik, Freiburg 2012