DFG-Projekt »Thomas und Johannes - Johannes und Thomas«
Habilitationsprojekt Dr. Stephan Witetschek
Förderung
Dieses Habilitationsprojekt wird seit April 2010 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit einer Eigenen Stelle gefördert.
Hintergrund
Das Thomasevangelium (EvThom) ist eine apokryphe (nicht zum biblischen Kanon gehörende) Sammlung von 114 „Worten Jesu“. Seit 1897 bzw. 1904 sind Fragmente dieses Textes in griechischer Sprache bekannt (P.Oxy. 1; 654; 655), in den späten 1940er Jahren kam im Textfund von Nag Hammadi (Oberägypten) eine vollständige koptische Übersetzung zum Vorschein. Viele dieser Jesusworte (Logien) weisen eine mehr oder weniger große Ähnlichkeit mit Jesusworten aus den kanonischen Evangelien auf. In den letzten Jahrzehnten interessierte sich die Forschung vor allem für die Berührungspunkte zwischen dem EvThom und den synoptischen Evangelien, da man im EvThom einen Verwandten der hinter dem Matthäus- und Lukasevangelium anzunehmenden „Logienquelle“ Q sah und es, im Rahmen des „Third Quest“, zunehmend als Quelle für die Frage nach dem historischen Jesus heranzog. Die Parallelen zwischen Thomas- und Johannesevangelium wurden erstmals 1962 von Raymond E. Brown („The Gospel of Thomas and St John’s Gospel.“ in: NTS 9 [1962/63], 155-177) zusammengestellt. Brown nahm an, das Thomasevangelium rezipiere das Johannesevangelium indirekt, vermittelt über eine gnostische Zwischenstufe. Diese Position geriet in den 1990er Jahren in die Kritik, und das Verhältnis der beiden Texte zueinander wurde umgekehrt bestimmt. Vor allem Gregory Riley (Resurrection Reconsidered. Thomas and John in Controversy. Minneapolis, MN 1995) und Elaine Pagels (Beyond Belief. The Secret Gospel of Thomas. New York 2003), aber auch April DeConick (u.a. Voices of the Mystics. Early Christian Discourse in the Gospels of John and Thomas and Other Ancient Christian Literature. Sheffield 2001) interpretierten nun das Johannesevangelium als eine polemische Reaktion auf das im Thomasevangelium vertretene Gedankengut. Ein wichtiges Element dieser Interpretation ist die Erzählfigur des „ungläubigen Thomas“ im Johannesevangelium: In dieser Erzählfigur sieht man nun die hinter dem EvThom stehende Gruppe reflektiert. Eine vorsichtigere, nuancierte Position nimmt Ismo Dunderberg (z.B. The Beloved Disciple in Conflict? Revisiting the Gospels of John and Thomas. Oxford – New York 2006) ein, der die Kontakte zwischen den beiden Evangelien eher „minimalistisch“ bewertet. Weitgehend beschränkt sich die Forschung aber, wenn es um das Verhältnis von Thomas- und Johannesevangelium geht, auf globale Aussagen.
Problemstellung
Das EvThom hat als Spruchsammlung keinen narrativen Rahmen; daher konnten leicht einzelne Logien hinzugefügt, weggelassen oder verschoben werden. Der Vergleich der griechischen Fragmente mit der koptischen Übersetzung zeigt, dass der Text in seiner Überlieferungsgeschichte in der Tat für Zusätze, Streichungen und Verschiebungen offen war. Daher wird man kaum a priori annehmen können, das EvThom sei gewissermaßen aus einem Guss entstanden, eher ist an eine sukzessive Zusammenstellung von Logien aus unterschiedlichen Quellen zu denken. Unter diesen Voraussetzungen ist die Frage nach den Quellen und nach dem Verhältnis zu anderen Evangelien nicht global zu beantworten. Daher soll in diesem Projekt für jedes der in Frage kommenden Logien das Verhältnis zum Johannesevangelium individuell bestimmt werden. Leitfragen sind: (1) Liegt überhaupt eine identifizierbare Parellele zum Johannesevangelium vor? Wenn ja, von welcher Art ist diese (wörtliche Parallele, Anspielung, Motivübernahme …)? (2) Liegt eine intertextuelle Bezugnahme (im strengen Sinne) vor? Wenn ja, in welche Richtung läuft die Rezeption? (3) Sind eventuelle Bezugnahmen eines Textes auf den anderen als zustimmend oder als ablehnend, gar polemisch zu verstehen?
Vorgehensweise
In erster Linie werden die in Frage kommenden Logien aus dem EvThom ihren möglichen johanneischen Parallelen in synoptischem Vergleich gegenübergestellt. Die Anzahl und die Klassifizierung der Logien wird sich im Laufe des Projekts noch verschieben.
Der Vergleich steht freilich vor einem sprachlichen Problem, da wir nur von einigen wenigen Logien des EvThom den griechischen Originaltext besitzen, die Mehrzahl ist nur in koptischer Übersetzung überliefert. Daher ist die koptische (sahidische) Übersetzung des Johannesevangeliums als Vergleichsgröße heranzuziehen. Damit soll jedoch nicht postuliert sein, dass diese Übersetzung die koptische Version des EvThom beeinfluss habe. Das sahidische Neue Testament liegt zwar in einer gedruckten Ausgabe vor (HORNER, G.W.: Coptic Version of the New Testament in the Southern Dialect Otherwise Called Sahidic and Thebaic 1-7. Oxford 1911-1924), doch da diese nur den Befund vor etwa einem Jahrhundert abbildet, ist weitere textkritische Arbeit unerlässlich, wie sie etwa von Karlheinz Schüssler geleistet wird: http://www.k-schuessler.com./bibcop.php. In Einzelfällen kann das Projekt von dieser Problematik betroffen sein.
Fachmentorat
Prof. Dr. Gerd Häfner (LMU München, Katholisch-Theologische Fakultät).
Prof. Dr. Knut Backhaus (LMU München, Katholisch-Theologische Fakultät).
Apl. Prof. Dr. Siegfried Richter (WWU Münster, Institut für Ägyptologie und Koptologie, Institut für Neutestamentliche Textforschung).
Ferner besteht fachlicher Kontakt mit Dr. Simon Gathercole (Universität Cambridge, Faculty of Divinity) und Prof. Dr. Tobias Nicklas (Universität Regensburg, Katholisch-Theologische Fakultät).
Veröffentlichungen im Rahmen des Projekts
Witetschek, S.: „Ein Goldstück für Caesar? Anmerkungen zu EvThom 100.“ in: Apocrypha 19 (2008), 103-122.
Witetschek, S.: „Going Hungry for a Purpose. On Gos. Thom. 69.2 and a Neglected Parallel in Origen.“ in: JSNT 32.4 (2010), 379-393.
Witetschek, S.: „Die Stunde des Lammes? Christologie und Chronologie in Joh 19,14.“ in: EThL 87 (2011), 127-187.