Katholisch-Theologische Fakultät
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Was darf man von einem Feigenbaum erwarten?

»Erntet man etwa von Dornen Trauben oder von Disteln Feigen?« (Mt 7,16) Im Rahmen der Bergpredigt zeigt sich Jesus orientiert über einige Grunddaten der Pflanzenkunde. In einem anderen Fall scheint er dagegen einen Grad der Vertrautheit mit Naturvorgängen an den Tag zu legen, der eher für einen Großstädter unserer Tage charakteristisch ist. In Mk 11,12-14 sucht er an einem Feigenbaum Früchte, obwohl, wie uns der Evangelist belehrt, »nicht die Zeit der Feigen war«. Kein Wunder also, dass Jesus nur Blätter fand (11,13). Erstaunlich auch die Reaktion Jesu, die an trotzige Wunder des heranwachsenden Jesus in den apokryphen Kindheitsevangelien erinnert: Jesus verflucht den Feigenbaum, in Ewigkeit soll niemand mehr von ihm eine Frucht essen (11,14). Was kann der Feigenbaum dafür, dass gerade keine Erntezeit ist? Das hat sich auch Matthäus gedacht und den Text so geändert, dass der Feigenbaum nicht von vornherein chancenlos ist (Mt 21,19). Lukas hat die Geschichte ganz übergangen und erzählt ein Feigenbaum-Gleichnis mit besseren Aussichten für das Gewächs (Lk 13,6-9).

Was aber wollte Markus mit der Episode von der Verfluchung des Feigenbaums aussagen? Häufig wird ein hintergründiger Sinn im Blick auf die Tempelreinigung erkannt (Mk 11,15-18). Es handle sich, anknüpfend an alttestamentliche Metaphorik, um ein Bild für das Gericht über Israel, das seine heilsgeschichtliche Vorrangstellung wegen der Ablehnung Jesu einbüße. Trotz der Verschränkung beider Erzählungen scheint ein anderer Sinn näher zu liegen. Dass Jesus den Feigenbaum verflucht, kommentiert der Erzähler mit den Worten: »Und es hörten seine Jünger« (11,14). Damit setzt Markus ein Signal, das die Feigenbaum-Episode besonders auf die Belehrung der Jünger in 11,22-25 ausrichtet. Diese Belehrung setzt umgekehrt ausdrücklich an der Szene vom Vortag an (11,20f). Inhaltlich geht es um Glaube und Gebet, beginnend mit dem Spruch vom Glauben, der Berge versetzt. So könnte die Verfluchung des Feigenbaums ein Beispiel für ein solches Vertrauen sein, zu dem Jesus auffordert: Wie er durch sein Wort den Baum zum Verdorren gebracht hat, so sollen auch die Jünger gewiss sein, dass eintreffen wird, worum sie vertrauensvoll beten. »Deshalb sage ich euch: Alles, worum ihr betet und bittet - glaubt dass ihr es erhaltet, und es wird euch zuteil« (11,24).