Katholisch-Theologische Fakultät
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Hatte Lukas ein schlechtes Gedächtnis?

Der Legende nach soll der Evangelist Lukas zwar 84 Jahre alt geworden sein; es wird aber (anders als zu Johannes) nicht überliefert, dass er erst in hohem Alter sein Doppelwerk geschrieben habe. Die Tradition bietet also keinen Anhaltspunkt für die Annahme, eine Auffälligkeit in der Apostelgeschichte sei einer möglicherweise nachlassenden Gedächtnisleistung ihres Autors zuzuschreiben.

Worin besteht die Auffälligkeit? Dreimal wird die Berufung des Paulus zum Thema, einmal als Erzählung (Apg 9,1-19), zweimal als Rückblick in einer Rede des Paulus (22,6-16; 26,12-18). Zwischen den drei Darstellungen ergeben sich aber nicht wenige Unterschiede. Um nur die wichtigsten zu nennen:

Nach Apg 9,7 hören die Begleiter des Paulus zwar die Stimme, die zu Paulus spricht, sehen aber niemanden. In Apg 22,9 heißt es umgekehrt, dass die Begleiter das Licht schauten, aber niemanden hörten.

Nur in Apg 26,14 werden die Worte des Herrn (»Saul, Saul, warum verfolgst du mich?«) erweitert: »Schwer ist es für dich, gegen den Stachel auszuschlagen.«

Die knappe Rede des Hananias an den noch geblendeten Paulus in Apg 9,17 wird im Rückblick erheblich erweitert (22,13-16).

Vor allem: Paulus erfährt sehr unterschiedlich von seiner Sendung als Heidenmissionar. Nach Apg 9 hört allein Hananias von diesem Auftrag, er teilt es Paulus aber nicht mit. Dies tut er im Rückblick von Apg 22 (V.15); außerdem erzählt Paulus hier von einer Vision im Jerusalemer Tempel, in der er von seiner Sendung zu den Heiden erfuhr (22,21). Von einer solchen Erscheinung ist bis zum 22. Kapitel nicht die Rede. Nach Apg 26 wäre die zusätzliche Vision auch gar nicht nötig gewesen, denn diesem Text zufolge hat der vor Damaskus erscheinende Herr dem Paulus gleich eröffnet, dass er als Missionar zu den Heiden gesandt sei (26,16-18).

Die Unterschiede sind nicht zurückzuführen auf nachlässige Gestaltung. Sie erklären sich aus den Anforderungen, die in der Antike an Autoren literarischer Werke gestellt wurden. Dazu gehörte die Fähigkeit, sich auf unterschiedliche Weise auf dieselbe Sache zu beziehen. In der rhetorischen Ausbildung wurde darauf besonders Wert gelegt. »Einem antiken Autor gereichte es nicht zur Ehre, wenn er ein Ereignis im exakten Wortlaut seiner Quelle wiedergab« (S. MASON). Der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus bietet für die variierende Darstellung ebenfalls zahlreiche Beispiele.