Katholisch-Theologische Fakultät
print

Links und Funktionen

Navigationspfad


Inhaltsbereich

Was steht im Jünger-Knigge des Matthäus?

Im Jahr 1788 veröffentlichte Adolph Freiherr von Knigge das Buch »Über den Umgang mit Menschen«. Darin wird ein weites Feld abgeschritten: Man findet Regeln zum »Umgang mit Verliebten« - »mit Verliebten ist vernünftigerweise gar nicht umzugehen« (das Kapitel wird dennoch fortgesetzt); um Gastfreundschaft geht es im Abschnitt über das »Verhältnis von Wirt und Gast« - u.a. wird empfohlen, dass »man mit seinem Geldbeutel Rücksprache nimmt, bevor man jedem Müßiggänger und freundlichen Schmarotzer Haus, Küche und Keller öffnet«; aus dem Kapitel zum »Umgang mit Geistlichen« wage ich kaum zu zitieren - harmlos noch, beim Aufenthalt in Klöstern, der Rat zum »Beifall, durch baucherschütterndes Lachen an den Tag gelegt, wenn der Pater Spaßmacher - dies Amt pflegt selten unbesetzt zu sein - einen Schwank hervorbringt«. Angesichts der praktischen Zielsetzung des Buches überrascht nicht, dass trotz der thematischen Weite der »Umgang der Jünger mit Jesus« nicht behandelt wird.

Auch das Neue Testament füllt diese Lücke nur bedingt. Natürlich werden keine Regeln des Umgangs formuliert; doch kann man an der Bearbeitung des MkEv durch Mt noch erkennen, wie man als Jünger nicht mit Jesus umzugehen hat. So wecken in der mk Fassung der Seesturm-Geschichte die Jünger Jesus mit einem Vorwurf: »Lehrer, kümmert dich nicht, dass wir zugrunde gehen?« (Mk 4,38). Matthäus macht aus dem Vorwurf eine Bitte: »Herr, rette, wir gehen zugrunde!« (Mt 8,25).

Die Geschichte von der Heilung der blutflüssigen Frau hat Matthäus grundlegend umgestaltet, die Jünger sind ganz aus der Szene getilgt. So erscheint in seiner Version nicht die verständnis- und respektlose Reaktion auf die Aussage Jesu, jemand hätte ihn berührt: »Du siehst die Menge, die dich bedrängt, und sagst: Wer hat mich berührt?« (Mk 5,31). So haben die Jünger in der Sicht des Matthäus nicht mit Jesus zu sprechen.

Im MkEv bitten Jakobus und Johannes um die Plätze zur Rechten und zur Linken Jesu (Mk 10,35ff). Diese Bitte, deren Erfüllung von Jesus abgewiesen wird und die zum Streit im Jüngerkreis führt, wird bei Matthäus von der Mutter der beiden vorgebracht.

Der Gang Jesu auf dem Wasser führt nach Markus die Jünger genausowenig weiter wir die Brotvermehrung: ihr Herz ist verhärtet (Mk 6,52). Dagegen reagieren sie im MtEv angemessen auf das Geschehen. Sie werfen sich vor Jesus nieder und bekennen ihn als Sohn Gottes (Mt 14,33).

So kann man annehmen, dass Matthäus sich am Bild des Umgangs der Jünger mit Jesus im MkEv gestoßen und dieses entsprechend geändert hat.