Katholisch-Theologische Fakultät
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Die liebe Verwandtschaft III: Wer kennt die Großmutter des Timotheus?

Auf den ersten Blick mag es verwundern, dass die Großmutter des Timotheus im Neuen Testament eine Rolle spielen sollte. Zugegeben, es ist eine Nebenrolle, wissenschaftlich ausgedrückt (wenn man denn die Verwendung von Fremdwörtern als »wissenschaftlich« bezeichnen will): Ihr Name, Loïs, ist im Neuen Testament ein Hapax legomenon. Mit diesem Begriff werden Wörter bezeichnet, die nur ein Mal belegt sind. Zwar gilt die Statistik als dritte Form der Unwahrheit neben Lüge und Irrtum, doch kann man ihr in diesem Fall trauen: Wenn ein Name und die damit bezeichnete Person im ganzen Neuen Testament nur ein Mal begegnet, haben wir es nicht mit einer zentralen Figur zu tun.

Dann drängt sich allerdings die Frage auf, warum eine solche Nebenfigur überhaupt erscheint? Vor allem stellt sich diese Frage, wenn man den Zusammenhang beachtet, in dem von Loïs die Rede ist. In 2Tim 1,5 wird nicht unverbindlich aus der Familienüberlieferung des Timotheus geplaudert (»Weißt du noch, damals, als Oma ...«). Es geht vielmehr um den Glauben, der zuerst in der Großmutter Loïs und in der Mutter Eunike gewohnt hat - und jetzt in Timotheus. Damit wird der Glaube des Timotheus in eine Reihe der Glaubensüberlieferung und -vermittlung gestellt. An ihm wird betont, dass er sich in Übereinstimmung befindet mit dem Glauben, der in den beiden Generationen vor ihm bereits lebendig war. Es geht nicht nur darum, dass die Großmutter denselben Glauben teilt, sondern dass sie ihn zuerst hatte. Damit passt sich die Aussage ein in das Traditionsdenken, das die Pastoralbriefe (1/2Tim; Tit) insgesamt kennzeichnet.

Überraschend ist die Generationenfolge, wenn man bedenkt, in welche Zeit der angegebene Adressat gehört. Timotheus ist Mitarbeiter der paulinischen Mission in den 50er Jahren. Wie kann sich sein Glaube einreihen in  eine Tradition, die bis zu seiner Großmutter zurückreicht? Hier offenbart der Brief seinen Standort in der dritten christlichen Generation. Die Absender- und Adressatenangabe in 2Tim 1,1f ist eine Fiktion. Der Rückgang auf die Großmutter des Timotheus könnte ein Hinweis darauf sein, dass der Autor seine Fiktion den Lesern durchschaubar machen wollte.