Katholisch-Theologische Fakultät
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Ein Motto für die Winzergenossenschaft im 1. Timotheusbrief?

Warum befindet sich auf Etiketten von Weinflaschen  eigentlich kein Hinweis auf 1Tim 5,23? Zwischen »Spätburgunder Rotwein trocken«, der Notiz von der  »Erzeugerabfüllung« und der amtlichen Prüfnummer würde sich diese biblische Referenz durchaus anbieten (z.B. AP.-Nr. 4334 176 0201/vgl. 1Tim 5,23). Zwar hat unter Marketing-Aspekten auch jener Bibelvers noch Schwächen. In jedem Fall wäre er aber solchen Sprüchen vorzuziehen, die man in der Freiburger Gegend bisweilen auf Weinflaschen lesen kann: »Macht die Frau ein Donnerwetter, trink ein Viertel Ehrenstetter!« Besser wäre es doch, wenn man den Weingenuss nicht durch Störungen der zwischenmenschlichen Kommunikation begründen würde, sondern prinzipiell biblisch verankern könnte (zumal da das zitierte Motto eine bedauerliche androzentrische Engführung aufweist). Gegenüber der Feststellung von Ps 104,15 (»Wein erfreut des Menschen Herz«) hätte 1Tim 5,23 den Vorteil, dass zum Weintrinken sogar aufgefordert wird.

In 1Tim 5,23 lesen wir: »Trinke nicht mehr nur Wasser, sondern auch etwas Wein, wegen des Magens und wegen deiner häufigen Krankheiten«. Der Rat an den Briefadressaten verwundert auf den ersten Blick, denn das Thema ist im Kontext nicht vorbereitet und wird danach nicht aufgegriffen. Dennoch haben wir es nicht mit einer Frühform von »product placement« zu tun, sondern wahrscheinlich mit einem Ausdruck der Bekämpfung von Gegnern. Deren Überzeugungen waren zuvor u.a. dadurch gekennzeichnet worden, dass sie den Genuss bestimmter Speisen verbieten (4,3). Der Autor des 1Tim hatte dagegen betont, jene Speisen habe Gott geschaffen, damit sie von den Menschen angenommen würden mit Danksagung (4,4). Auch der recht unmotivierte Vorstoß für den Weingenuss dürfte in diesen Zusammenhang gehören. Wenn die Gegner in ihre Nahrungsaskese den Wein einschlossen, hatte der Autor Grund, sich in knapper Form für dieses Getränk stark zu machen. Auch die Argumentation mit der Gesundheit passt sich ein in die Gegenargumentation aus der Schöpfung, die der Autor in 4,4f verfolgt hat.