Katholisch-Theologische Fakultät
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Was sind »wirkliche Witwen«?

»Ehre die Witwen, die wirklich Witwen sind« (1Tim 5,3). Wir hätten keine Schwierigkeiten mit dem Satz, wenn der Verfasser der Pastoralbriefe einen Leitfaden für Lebensversicherungen geschrieben hätte. Dass nur »wirklichen Witwen« die abgeschlossene Summe ausgezahlt werden soll, wäre voll verständlich. Nun muss man keinen besonders tiefen Einblick in die Geschichte des Urchristentums genommen haben, um eine solche Erklärung der zitierten Aussage als unsachgemäß einstufen zu können.

Die Formulierung »wirkliche Witwen« passt sich ein in die Tendenz des Abschnitts 1Tim 5,3-16, den Stand der Witwen zurückzudrängen. Dies zeigt sich zunächst darin, dass die Eintrittsbedingungen hoch angesetzt werden: eine Witwe muss mindestens 60 Jahre alt und soll nur einmal verheiratet gewesen sein (V.9); eine anderweitige Versorgung muss ausgeschlossen sein (VV.4.8.16). In diesem letzten Punkt äußert sich außerdem eine grundsätzliche Verschiebung der Perspektive. Witwen werden wahrgenommen als Frauen, die auf die Unterstützung der Gemeinde angewiesen sind, nicht aber als aktive Gemeindemitglieder, die Verantwortung übernehmen. Dabei zeigt der Text in seiner polemischen Verzerrung noch Spuren eines anderen Witwenbildes. (1) Witwen zeichnen sich aus durch das unablässige Gebet (V.5), ein Hinweis auf »geistliche Leitungsposition« (U. WAGENER). (2) Witwen sind erkennbar an caritativen Werken (V.10). (3) Witwen dürften auch in der Verkündigung in Häusern gewirkt haben, was in der Polemik zum »Herumlaufen in den Häusern« wird, wo sie geschwätzig und neugierig sind und »Unziemliches reden« (V.13).

Dass der Verfasser die Bedeutung der Witwen zurückdrängen will, hängt mit seinem neuen Bild von Gemeinde um die Jahrhundertwende zusammen. An der Spitze soll der eine verantwortliche Gemeindeleiter stehen, Frauen kommt nur noch eine passive Rolle zu. Für die Absicht, diese neue Struktur durchzusetzen, lassen sich wohl zwei Gründe nennen. Zum einen der Kampf gegen »Falschlehrer«, die u.a. wahrscheinlich ein anderes Bild von der Rolle von Frauen in der Gemeinde hatten. Zum andern die Anpassung an gesellschaftlich sanktionierte Rollenmuster. Diese werden übernommen, um keinen  Anstoß zu erregen: »... damit das Wort Gottes nicht verlästert werde« (1Tim 6,1f; Tit 2,5; auch Tit 2,10).