Katholisch-Theologische Fakultät
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Liturgiewissenschaft von Winfried Haunerland

Rituale gehören zum menschlichen Leben. Denn Ritualisierungen erleichtern den Alltag und ermöglichen menschliche Kommunikation. Rituale nutzen wir, wenn wir einander grüßen, gratulieren oder bei einem Trauerfall das Beileid aussprechen. Mit Ritualen nehmen wir Abschied von unseren Toten, weil Rituale in an sich haltlosen Situationen Halt geben können. Rituale brauchen wir, wenn wir gemeinsam feiern wollen – zu Hause, beim Tanzfest oder im Fußballstadion. Denn wo viele Menschen zusammenkommen, braucht es Ausdrucksformen, die gemeinsam vollzogen werden können. Sie werden in der Regel nicht neu erfunden, sondern haben sich gebildet, sind vertraut und entwickeln sich nur langsam weiter. Solche Ritualisierungen gehören auch zum Leben religiöser Gemeinschaften. Sie sind die Form, in denen die Gläubigen gemeinschaftlich ihrem Glauben Ausdruck verleihen können. Auch der christliche Gottesdienst ist ein solches Ritual, das die Aufmerksamkeit der Theologie verdient. In früheren Zeiten haben vor allem Kirchenrecht und Kirchengeschichte, Dogmatik und Aszetik, Moraltheologie und Pastoraltheologie gelegentlich Aussagen zur Liturgie der Kirche gemacht. In der Ausbildung der Priester wurden darüber hinaus durch die sogenannte Rubrizistik liturgische Fertigkeiten vermittelt. In der Neuzeit entwickelte sich eine eigenständige theologische Disziplin, die sich mit dem Gottesdienst der Kirche beschäftigte. Eigenständige Lehrstühle für diese Liturgiewissenschaft gibt es in Deutschland erst seit der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts.

1. Von der Notwendigkeit der Liturgie für die Kirche

Die neutestamentlichen Schriften kennen kein Wort, durch das Jesus in einem formalen Sinn die Kirche gegründet hat. Aber sie überliefern den Auftrag Jesu, zu seinem Gedächtnis den Segen über Brot und Wein zu sprechen und davon zu essen und zu trinken: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19; 1 Kor 11,24). Schon daraus wird ersichtlich, dass die gemeinsame Feier des Herrenmahles zu den konstitutiven Handlungen der Kirche gehört. Gerade indem die Jüngergemeinde Eucharistie feiert, wird Kirche Ereignis und kann wahrgenommen werden. So ist die Messfeier für die christliche Gemeinde von grundlegender Bedeutung: „Die Kirche lebt von der Eucharistie.“
Doch auch andere gottesdienstliche Feiern prägen und erhalten das Leben der Christen. An erster Stelle sind die sakramentalen Feiern zu nennen. Durch Taufe, Firmung und die erste Teilnahme an der Eucharistie werden die Menschen in die Kirche eingegliedert. Durch das Sakrament der Buße wird die Taufgnade erneuert und im Sakrament der Krankensalbung kommt Christus den erkrankten Gliedern der Kirche zu Hilfe. Wo Menschen durch das Sakrament der Ehe verbunden sind, wird ihre Verbindung zu einer Kirche im Kleinen. Durch die Feier der Ordinationen erhält die Kirche die Amtsträger, denen nicht zuletzt die Verantwortung für die Feier der Sakramente übertragen ist. So bauen die Sakramente die Kirche auf. Aber auch umgekehrt gilt: Die Kirche feiert die Sakramente und ist so Werkzeug ihres Herrn.
Neben der Feier der Sakramente kennt die Kirche Sakramentalien, in denen Gottes Nähe gefeiert wird: Zu denken ist an Segensfeiern oder auch an das kirchliche Begräbnis. Nähe und Anwesenheit Gottes ereignen sich aber auch, wenn die Heilige Schrift in Wort-Gottes-Feiern verkündet wird. Auf unterschiedliche Weise folgen die einzelnen Christen und christliche Gemeinschaften den Auftrag zum Gebet. Die vornehmste Form dafür ist die Tagzeitenliturgie, die das Gebet der Kirche ist und regelmäßig zumindest von den Ordensgemeinschaften und den Klerikern vollzogen wird. Viele Gemeinden und Gruppen kennen darüber hinaus noch eigene Andachten oder geprägte Gebetsordnungen, an denen sich auch die Einzelnen orientieren können, wenn sie nicht mit anderen zum Gebet zusammenkommen können.
All diesen Formen des gemeinschaftlichen Gebetes zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich im Grundsatz an einer vorgegebenen Ordnung orientieren. Dabei kann es für ähnliche Gottesdienste innerhalb der Kirche durchaus unterschiedliche Ordnungen geben: In den katholischen Ostkirchen werden die Gottesdienste in anderer Gestalt gefeiert als in den Diözesen der lateinischen Kirche, und die Messfeier in Mailand unterscheidet sich in manchen Punkten von der Messfeier des römischen Ritus. Aber die einzelne Feiergemeinschaft entwirft nicht für jeden Gottesdienst eine neue Ordnung. Vielmehr knüpft sie an Ordnungen an, deren Wurzeln weit in die Geschichte hinein reichen. Es ist kein Charakteristikum des Christentums, das für religiöse Feiern Ordnungen weitergegeben und beachtet werden. Der Begriff Ritual wurde sogar ursprünglich vor allem für religiös motivierte Ordnungen verwendet. Solche religiösen Rituale sind dabei in der Regel Ausdruck einer bestimmten Glaubensgemeinschaft. Wer bestimmte Rituale übernimmt und ausführt, verbindet sich mit allen, die nach denselben Ordnungen gefeiert haben und auch jetzt feiern. Wo das Ritual ernsthaft vollzogen wird, ist es Ausdruck eines gemeinsamen Glaubens und der Zusammengehörigkeit. Gleichzeitig aber ist das Ritual auch eine Hilfe, mit dem Göttlichen in Kontakt zu treten. Auch im Christentum können wir Gott ja nicht so begegnen, wie wir anderen Menschen begegnen können. Angesichts seiner Heiligkeit und Allmacht spüren wir aber auch, dass wir ihm nur mit Ehrfurcht begegnen dürfen. Da ist es hilfreich, auf Rituale zurückgreifen zu können, mit denen schon andere vor uns den lebendigen Gott gelobt, ihm gedankt und zu ihm gebetet haben.
Wie wichtig den Christen der Gottesdienst ist, zeigt sich schon darin, dass sie überall, wo sie nicht verfolgt wurden, eigene Gebäude für die gottesdienstliche Feier gebaut haben. Diese Kirchen sind fast immer mehr als ein Zweckbau: Sie sind ein Bild der Gemeinschaft, deren Namen sie tragen (Kirche), und ein Symbol für die Gegenwart Gottes mitten in der Welt.

2. Vom Gegenstand der Liturgiewissenschaft

Liturgiewissenschaft beschäftigt sich mit den kirchlichen Ritualen oder – genauer gesagt – mit den gottesdienstlichen Feiern der Kirche. Darin unterscheidet sich die Liturgiewissenschaft nicht von einer ritualtheoretisch interessierten Religionswissenschaft. Doch sind die Riten und Rituale für die Liturgiewissenschaft nur das Materialobjekt. Formal geht es der Liturgiewissenschaft um die Kirche, die ihren Glauben feiert. Ihre Liturgie wird als Selbstaussage der Kirche gelesen und gedeutet und damit als Glaubenszeugnis, das neben anderen Glaubenszeugnissen der Kirche (Heilige Schrift, Tradition, Lehramt etc.) steht.
Ein sachgerechter liturgiewissenschaftlicher Zugang zum Gottesdienst der Kirche kann auf die historische Methode nicht verzichten. Denn auch wenn liturgische Rituale nicht in das Belieben des Einzelnen und der einzelnen Feiergemeinde gestellt sind, so haben sich doch alle gottesdienstlichen Ordnungen im Laufe der Geschichte verändert. Mit der historischen Methode können unterschiedliche Feiergestalten der verschiedenen Traditionen, ja auch der verschiedenen Konfessionen wahrgenommen und zueinander in Beziehung gesetzt werden. Geschichtliche Rekonstruktion bewahrt davor, eine bestimmte Feierform absolut zu setzen. Denn keine Feierform kann für sich in Anspruch nehmen, alle Aspekte des Glaubens in der einzig möglichen Weise zum Ausdruck zu bringen.
Die historische Rekonstruktion der Entwicklung einer bestimmten liturgischen Ordnung steht im Dienst der theologischen Analyse. Denn wenn der Gegenstand der Liturgiewissenschaft die Kirche ist, die ihren Glauben feiert, dann muss die Liturgiewissenschaft nach dem theologischen Gehalt der gottesdienstlichen Feiern fragen. Insofern ist Liturgiewissenschaft auch eine systematische Disziplin. Sie interpretiert also die Rituale der Kirche und entwickelt so auf induktive Weise ihren Beitrag etwa zu einer Theologie der Sakramente, des Wortes Gottes und der Liturgie insgesamt. Zur systematischen Herausforderung der Liturgiewissenschaft gehört allerdings auch, dass die anthropologischen und humanwissenschaftlichen Dimensionen der Liturgie bedacht werden: Wer sind die Menschen, die Gottesdienst feiern? Welche Voraussetzungen prägen sie und müssen beachtet werden, wenn Liturgie sachgerecht als menschliche Ausdruckshandlung verstanden wird.
Wie jede gute Theologie steht auch die Liturgiewissenschaft im Dienst der Glaubenspraxis. Das bedeutet konkret, dass sie auch ein pastoralliturgisches Interesse hat. Als Wissenschaft ist sie dabei nicht berufen, selbst Gottesdienste zu entwickeln. Vielmehr ist sie kritische Begleiterin der Kirche in der Gegenwart. Im Blick auf die bewährte gottesdienstliche Tradition der Kirche gilt es deshalb Kriterien zu entwickeln, wie Kirche sachgerecht Gottesdienst gefeiert hat und wie sie weiterhin sachgerecht Gottesdienst feiern kann. Solche Kriterien führen nicht nur zu einer einzigen Form des Gottesdienstes. Deshalb ist es weder möglich noch Aufgabe der Liturgiewissenschaft, mit wissenschaftlicher Eindeutigkeit eine bestimmte Ordnung der Liturgie zu entwerfen. Aber die von ihr entwickelten Kriterien sind eine Hilfe, um konkrete gottesdienstliche Ordnungen und Feiern beurteilen zu können. Genau damit unterstützt sie die Verantwortlichen für die Gottesdienstfeier auf allen Ebenen der Kirche.
Denn die Kirche muss bei der Feier der Liturgie zwei Gefahren vermeiden: Sie darf einerseits nicht absehen von den Ausdrucks- und Feierformen der Gegenwart. Deshalb reicht es beispielsweise nicht, allein die Kirchenmusik der Vergangenheit zu pflegen. Jede Zeit muss auch selbst versuchen, angemessene musikalische Ausdrucksformen für die gottesdienstliche Feier zu entwickeln. Andererseits darf der Gottesdienst sich aber auch nicht einfach der Gegenwartskultur so angleichen, dass das Besondere und Eigene der Liturgie verloren geht. Deshalb sind etwa Versuche, Gottesdienste erlebnisstark zu inszenieren und nach Möglichkeit zu einem einmaligen und unvergesslichen Event zu machen, daran zu messen, ob am Ende alles nur noch um den Menschen und die Feiernden kreist oder ob die Feier auf das Heil der Menschen und die Ehre Gottes ausgerichtet bleibt. Gerade an den Großgottesdiensten bei Katholikentagen, überörtlichen Jugendtreffen und Papstreisen zeigt sich, dass solche liturgischen Bemühungen wichtig sind, aber auch nicht immer in allen Dimensionen gleich zufrieden stellen können.

3. Vom Studium der Liturgiewissenschaft

Es kann davon ausgegangen werden, dass alle Studierenden der katholischen Theologie eine erste Kenntnis des Gegenstandes der Liturgiewissenschaft haben. Denn mehr oder weniger intensiv haben alle bereits vor Beginn ihres Studiums am gottesdienstlichen Leben der Kirche teilgenommen. Viele haben Schul- und Jugendgottesdienste mitgestaltet oder bestimmte Aufgaben bei der sonntäglichen Gemeindemesse übernommen. Vor aller theoretischen Reflexion und vorgängig zu dem nun anstehenden wissenschaftlichen Zugang gibt es also praktische Kenntnisse. Das enthält besondere Chancen, aber auch bestimmte Gefahren. Hilfreich ist, dass der Gegenstand des liturgiewissenschaftlichen Studiums nicht allein theoretisch erarbeitet werden muss, sondern zumindest in gewissen Grenzen ganzheitlich erlebt wurde. Sind diese Erfahrungen grundsätzlich positiv konnotiert, dürfte sich das positiv auf die Motivation zum Studium der Liturgiewissenschaft auswirken. Die eigenen gottesdienstlichen Erfahrungen können allerdings auch den vorurteilsfreien Blick auf Geschichte, Möglichkeiten und Vielfalt des gottesdienstlichen Lebens erschweren, wenn die selbst erlebte Praxis faktisch als normativ angesehen wird.
So müssen die Studierenden im Studium der Liturgiewissenschaft einen Perspektivenwechsel einüben: Hatten sie bisher vor allem die Teilnehmerperspektive, so sollen sie jetzt als Theologen auch die Beobachterperspektive einnehmen. Denn die Beobachterperspektive ist methodische Voraussetzung für einen wissenschaftlichen Zugang. Allerdings gilt für das gesamte Studium der Theologie, dass die Beobachterperspektive nicht die Teilnehmerrolle überflüssig macht und ersetzen darf. Deshalb tritt das Studium der Liturgiewissenschaft nicht an die Stelle der Feier der Liturgie, sondern Theologen müssen als glaubende Christen Teilnehmer des Gottesdienstes bleiben.

4. Von den Inhalten des liturgiewissenschaftlichen Studiums

Die Inhalte des liturgiewissenschaftlichen Studiums sind vorgegeben durch das gottesdienstliche Leben der Kirche. Neben der Messfeier und der Feier der anderen Sakramente sind auch die Sakramentalien zu behandeln. Zu denken ist dabei an Segnungen und Prozessionen, vor allem aber auch an die Feier des kirchlichen Begräbnisses. Während diese Gottesdienste häufig anlassbezogen gefeiert werden, gibt es andere Feiern, die durch den Rhythmus der Zeit geprägt sind: der Sonntag und die Feste im Laufe des Jahres, aber auch die Tagzeitenliturgie. Ergänzend ist dabei auf Andachten und andere Formen der Volksfrömmigkeit einzugehen. Die Beschäftigung mit diesen konkreten gottesdienstlichen Feiern kann man als Materialliturgik bezeichnen.
Im Gegensatz dazu geht es in der Fundamentalliturgik um grundsätzliche Perspektiven, die das liturgische Leben insgesamt betreffen. Grundstrukturen und Ausdruckselemente werden hier behandelt, die für den christlichen Gottesdienst charakteristisch sind. Neben grundlegenden Fragen nach Gebet und Gesang, Sprache und Musik geht es dabei um die gesamte Zeichenwelt: Gesten und Gebärden, Raum und Kirchenbau, liturgische Gewänder und Gefäße. Es wird nach der Theologie der Liturgie gefragt oder nach den anthropologischen Voraussetzungen gottesdienstlichen Handelns. Dazu gehören auch die Wechselbeziehungen von christlichem Gottesdienst und der jeweiligen Kultur (Inkulturation). Wünschenswert ist auch, dass ein Durchblick durch die Geschichte des christlichen Gottesdienstes gegeben wird. Gute Liturgiewissenschaft ist immer auch ökumenisch ausgerichtet und fragt nach den liturgischen Traditionen anderer Konfessionen. Der Blick auf die gottesdienstliche Praxis kann im interreligiösen Gespräch zwischen den monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) und in der Auseinandersetzung mit anderen Religionen erhellend sein. Deshalb dürfen ökumenische und interreligiöse Aspekte in der Liturgiewissenschaft nicht zu kurz kommen.

5. Von der Notwendigkeit liturgiewissenschaftlicher Kompetenz

Lange Zeit herrschte die Vorstellung, die Beschäftigung mit dem Gottesdienst der Kirche sei allein für zukünftige Priester wichtig. Schließlich hätten diese ja die vorrangige Verantwortung für die Feier der Liturgie in den Gemeinden. So wurden Fragen des Gottesdienstes vor allem in den Priesterseminarien behandelt und gehörten dort vor allem zur praktischen Ausbildung. Das skizzierte Programm der Liturgiewissenschaft zeigt allerdings, dass diese nicht zuerst eine Anwendungs- und Ausbildungsdisziplin ist, die praktische Fertigkeiten vermittelt. Vielmehr ist sie Teil der Theologie und lenkt den Blick auf die Liturgie als einen wesentlichen Grundvollzug der Kirche, den das Zweite Vatikanische Konzil „Höhepunkt“ und „Quelle“ des ganzen Lebens der Kirche nennt. Deshalb hat das Konzil auch deutlich herausgestellt, dass Liturgiewissenschaft an den Theologischen Fakultäten zu den Hauptfächern zu rechnen ist. So gehört liturgiewissenschaftliche Bildung also nicht nur zur Berufsqualifizierung für Priester und für alle, die im pastoralen Dienst tätig sein wollen, sondern auch zu einem umfassenden theologischen Studium.
Mehr als vielfach wahrgenommen verdient die Liturgiewissenschaft unter berufsspezifischer Perspektive auch die Aufmerksamkeit der künftigen Religionslehrer(innen). Denn sie müssen in fast allen Schulformen und Unterrichtsstufen die Schüler(innen) mit Themen vertraut machen, über die (nur) in der Liturgiewissenschaft gesprochen wird: Feste und Feierkultur, Kirchenjahr und Kirchenraum, Gebet und Gottesdienst, Sakramente und Volksfrömmigkeit, Heiligenverehrung und liturgiebegleitendes Brauchtum. Wer hier Wichtiges von weniger Wichtigem und Richtiges von vermeintlich Richtigem unterscheiden will, kann sich nicht allein auf eigene Erfahrungen verlassen, sondern braucht Grundkenntnisse, zu denen eine gute Liturgiewissenschaft beitragen kann.
Die christlichen Rituale sind für viele Menschen der Gegenwart bereits exotisch und fremd geworden. Denn die Zeit der Volkskirche alten Typs ist in Deutschland an ein Ende gekommen. Immer weniger wird der Alltag durch die religiöse Praxis der Christen allgemein und der katholischen Kirche insbesondere geprägt. Es ist verstärkt damit zu rechnen, dass viele Mitbürger erst in höherem Alter mit katholischer Liturgie in Berührung kommen. Die Aufgabe der Theologen, Rechenschaft vom Glauben zu geben, bezieht sich auch auf die gottesdienstlichen Ausdrucksformen dieses Glaubens. Theologen sollten nicht aus Unkenntnis schweigen müssen, wenn Unverständnis oder Staunen, Kritik oder echtes Interesse geäußert wird.
Darüber hinaus ist zu beachten, dass unsere abendländische Kultur und viele Werke der Dichtung, der Musik und der bildenden Kunst ohne den christlichen und volkskirchlichen Hintergrund nicht zu verstehen sind. Theologen sollten den Ehrgeiz haben, nicht weniger von dieser Tradition zu kennen als gebildete Germanisten oder Musikwissenschaftler. Mehr noch: Die Menschen dürfen zu Recht erwarten, dass die Theologen sich mit den Ritualen ihrer eigenen Tradition auskennen und Fachleute sind, die anderen weiterhelfen können.
Doch sind Theologen mehr als Botschafter und Bewahrer des kulturellen Wissens. Sie informieren nicht nur über eine vergangene Praxis, sondern deuten die christliche Liturgie als Begegnung der Menschen mit dem lebendigen Gott. Als Glaubende erinnern sie an den Glauben, der im gottesdienstlichen Handeln der Kirche bezeugt wird, und an das Heil, das sich in der Feier der Liturgie ereignet. So sind sie Anwälte einer Liturgie, die nicht nur gesellschaftlich oder kulturell, biographisch oder institutionell nützlich und interessant ist, sondern in der Gott selbst angebetet und verherrlicht wird. Weil Liturgiewissenschaftler Theologen sind, wissen sie, dass Liturgie um ihrer selbst willen gefeiert werden muss und dann zu Recht als „Mitte und Höhepunkt des ganzen Lebens der christlichen Gemeinde“ bezeichnet werden kann.

Literaturhinweise:

Adolf Adam – Winfried Haunerland, Grundriss Liturgie. 10. Aufl. Freiburg – Basel – Wien 2014. – Das erstmals 1985 erschienene und 2012 völlig überarbeitete und erweiterte Buch informiert zuverlässig über den Gottesdienst der katholischen Kirche nach dem 2. Vatikanischen Konzil.

Rupert Berger, Pastoralliturgisches Handlexikon. 5., völlig überarbeitete Aufl. Freiburg – Basel – Wien 2013. – Informiert kundig in Artikelform zu vielen Fragen des gottesdienstlichen Lebens heute.

Albert Gerhards – Benedikt Kranemann, Einführung in die Liturgiewissenschaft. Darmstadt 2006; 3. Aufl. 2013. – Gute Einführung in das Studium der Liturgiewissenschaft, die einen guten Überblick über das Fach und seine verschiedenen Aspekte bietet.

Winfried Haunerland, Liturgiewissenschaft in Forschung und Lehre. Zur Geschichte einer theologischen Disziplin an der LMU, in: Münchener Theologische Zeitschrift 61 (2010) 149-176; wiederabgedruckt in: ders., Liturgie und Kirche. Studien zu Geschichte, Theologie und Praxis des Gottesdienstes (Studien zur Pastoralliturgie 41). Regensburg 2016, 111-141. – Informiert über die Geschichte des Lehrstuhls für Liturgiewissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Reinhard Meßner, Einführung in die Liturgiewissenschaft (UTB 2173). Paderborn u. a. 2001; 2. Aufl. 2009. – Enthält das liturgiewissenschaftliche Basiswissen in kompakter und anspruchsvoller Form.