Katholisch-Theologische Fakultät
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Geschichte des Lehrstuhls

Geschichte des Lehrstuhls für Pastoraltheologie, LMU München

Die Geschichte des Lehrstuhls für Pastoraltheologie ist eng mit der Geschichte des Herzoglichen Georgianums verbunden, waren doch seine Direktoren bis 1966 auch Lehrstuhlinhaber. Diese ist von Georg Schwaiger ausführlich aufgearbeitet worden in dem Jubiläumsband zum fünfhundertjährigen Bestehen des überdiözesanen Priesterseminars.  Neben herangezogenem Archivmaterial beziehen wir daraus die wichtigsten historischen Details. Eine ausführlichere Darstellung mit Abbildungen und Textauszügen aus den Schriften und Vorlesungen der Lehrstuhlinhaber ist geplant.

Die Einrichtung der Theologischen Fakultät wurde durch den erheblichen Einfluss des Regensburger Bischof-Koadjutors Johann Michael Sailer, der von seinem ehemaligen Schüler König Ludwig I. und Eduard Schenk extra darum gebeten worden war, vorangetrieben. „Von Sailers Geistigkeit und seinen Schülern blieben die beiden ersten Jahrzehnte in München noch stark bestimmt.“  Von Landshut wurde daher auch der Sailerschüler und erste Pastoraltheologe an der neu errichteten Münchner Fakultät übernommen, Georg Friedrich Wiedemann (1826-1842), der zugleich Direktor des Georgianums, Mitglied des Verwaltungsausschusses der Universität  und ab 1842 Mitglied des Metropolitankapitels in München war. Während seiner Amtsperiode wurde auch der Grundstein für das Universitätsgebäude an der Ludwigstraße gelegt, im feierlichen Beisein König Ludwigs I.  1841 folgte der Einzug in den Ludwigsbau.  Wiedemann war einer der fünf ordentlichen Professoren,  mit denen die theologische universitäre Landschaft in München begann und Inhaber des damals noch breitgefächerten Lehrstuhls für Pastoraltheologie, Liturgik, Homiletik und Katechetik. Dass der Pastoraltheologie unter den zunächst nur fünf existierenden Lehrstühlen überhaupt ein Platz eingeräumt wurde, weist auf den hohen Stellenwert, den man dem Fach von Anfang an in München eingeräumt hatte. Ihm folgte bis zu seiner Beförderung als Domdekan in Eichstätt Xaver Dirnberger (1842-1855), ein frommer, streng asketischer Priester ohne wissenschaftliche Ambitionen , der seit 1844 zusätzlich die Lehrkanzel für Moraltheologie versah. 1855 löste ihn Karl Thumann (1855-1863) als Professor für Pastoraltheologie, Liturgik, Homiletik und Katechetik ab.  Diesem folgte Valtentin Thalhofer (1863-1876), ursprünglich Professor für Altes und Neues Testament sowie Archäologie in Dillingen und einer jener Gelehrten, „deren Werk und dessen Eigenart erst von ihren Lebensschicksalen her verständlich werden“  sollte. Die große Bandbreite seines wissenschaftlichen Wirkens geht aus Schwaigers Würdigung hervor: „Als Professor trug Thalhofer in einem Jahreskurs Allgemeine Pastoraltheologie, Homiletik, Katechetik und sein Lieblingsfach Liturgie vor. In zusätzlichen Stunden repetierte er für Priesterkandidaten Eherecht und die Verwaltung des Bußsakramentes in der Seelsorgepraxis. Aushilfsweise übernahm er im Wintersemester 1867/68 Moraltheologie, im Wintersemester für den zur Konzilsvorbereitung in Rom weilenden Kollegen Abt Haneberg, Einleitung in das Alte Testament, nach dem Tod Professor Reithmayrs im Sommersemester Biblische Hermeneutik. Schon 1864 hatte Thalhofer die Leitung des neuerrichteten Homiletischen Seminars übernommen.“  Schwaiger verschweigt diesbezüglich nicht, dass Thalhofer weniger unter der immensen Arbeitsbelastung noch unter der zunehmenden Neigung zur Schwermut litt. Viemehr waren es die von 1869 an ausbrechenden harten Kämpfe innerhalb der Theologischen Fakultät, die ihm als Gegner des Unfehlbarkeitsdogmas des Papstes innerlich und äußerlich zu schaffen machten und 1871 in der Exkommunikation Ignaz von Döllingers gipfelten.  Dürig kommentiert den Entscheidungskampf Thalhofers wie folgt: „Als das Häuflein der Opponenten jedoch immer geringer wurde, rang er um die einzig mögliche Alternative: entweder aufhören, Katholik zu sein, oder mit dem Bischöfen und dem Papst das Dogma zu akzeptieren. Da er die Gefahr eines Schismas befürchtete, falls die theologische Wissenschaft sich als Autorität neben oder gar über die Autorität des Konzils stellen würde, war für ihn als gläubigen Katholiken die Entscheidung klar.“  Ungeachtet dessen rief eine Reihe von Bischöfen aus den Nachbardiözesen ihre Theologiestudenten aus München zurück.

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Dem bedeutendsten Liturgiker des Jahrhunderts folgte 1877 Andreas Schmid (1877-1909) auf dem Lehrstuhl, der sich wieder mehr der Pastoraltheologie in ihrem eigentlichen Sinn zuwandte. Er wird von seinem Subregens und späterem Professor Johannes Zellinger als ein ausgezeichneter, kirchlich gesinnter Priestererzieher mit tiefer Frömmigkeit und pädagogischem Geschick gerühmt.  Schmid wurde von seinem Nachfolger Eduard Weigl (1909-1939) abgelöst, einem ehemaligen Studenten der Münchener Theologischen Fakultät, der am längsten (=dreißig Jahre) Lehrstuhlinhaber war und die schweren Kriegsjahre zu bestehen hatte. Zunächst Privatdozent für Kirchengeschichte, hielt er aber auch liturgische und pastoraltheologische Vorlesungen, dozierte Rubrizistik und korrigierte schriftliche und mündliche Predigtversuche der Alumnen. Bis zur gewaltsamen Schließung der Theologischen Fakultät im Jahr 1939 gingen durch seine Hände etwa 40 Jahrgänge von Theologiestudenten, worunter sich auch der Dogmatiker Michael Schmaus befand. Seine nüchterne, von der ratio geprägte Theologie war stark von den Kirchenvätern beeinflusst, trotz hoher liturgischer Gesinnung blieb ihm die „Liturgische Bewegung“ zeitlebens fremd.  Der Lehrstuhl für Pastoraltheologie war bis 1939 mit einem der neuen ordentlichen Professoren der Fakultät besetzt und umfasste derzeit neben der Pastoraltheologie die Fächer Homiletik und Liturgik. Katechetik war dem Lehrstuhl für Pädagogik zugeordnet, Missionswissenschaft einer außerordentlichen Professur; die Zahl der Studenten der Katholischen Theologischen Fakultät betrug relativ konstant etwa 200.  Über Indiskretionen wurden die Schließungspläne der Nazis bekannt. Grund dafür war alleinig, laut nationalsozialistischer Propaganda, das Verhalten des Münchner Kardinals Faulhaber. Nach den Kriegsjahren versuchte man rasch, die freien Lehrstühle der geschlossenen theologischen Fakultät zurückzugewinnen. Im Juli 1945 wurde von der Militärregierung die Wiedereröffnung der Fakultät erleichtert, die wegen der schweren Beschädigung des Universitätsgebäudes in das Schloss Fürstenried unter nur schlechten Bedingungen ausquartiert wurde.  „Der Haupthörsaal der Fürstenrieder Jahre war das gläserne Gewächshaus der Gärtnerei, den im Winter bei eisiger Kälte ein kleiner Kanonenofen kaum zu temperieren vermochte, später ein saalartiger Raum im Nebengebäude des Schlosses, in dem auch die Bibliothek untergebracht war und den die Professoren frühmorgens zur Messfeier auf Tragealtären nutzen.“  Auch der wohl berühmteste Sohn der Fakultät, heute Papst Benedikt, erinnerte sich an die Jahre in Fürstenried: „Es herrschte drangvolle Enge: In ein und demselben Haus wohnten zwei Professoren, befand sich das Sekretariat der Fakultät und das Sitzungszimmer, dazu die Seminarbibliotheken für Pastoraltheologie, Kirchengeschichte, Exegese des Alten sowie des Neuen Testaments und unsere Studier- und Schlafräume. Bei dieser Enge mußte man doppelstöckige Betten verwenden. Als ich am ersten Morgen, noch schlaftrunken, meine Augen auftat, glaubte ich einen Augenblick, es sei wieder Krieg, und ich sei in unsere Flack-Batterie zurückversetzt. Auch die Verpflegung war karg, weil man nicht, wie in Freising, auf einen eigenen Bauernhof zurückgreifen konnte. [...] Freilich – der Ort der Handlung war eigenartig. Da kein Hörsaal zur Verfügung stand, mußten die Vorlesungen im Gewächshaus des Schloßgartens stattfinden, indem uns zunächst glühende Hitze empfing, die im Winter durch entsprechende Kälte wieder wettgemacht wurde. Aber solche Äußerlichkeiten störten uns damals kaum.“

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Erst 1948 konnte in den Neubau an der Ludwigsstraße umgezogen werden. Joseph Pascher (1946-1960), der in München seit 1936 bereits die Professur für Religionspädagogik innehatte, nahm 1946 den Ruf auf den Lehrstuhl für Pastoraltheologie an und bekleidete schon im folgenden Studienjahr (1946/47) das Amt des Dekans der theologischen Fakultät, eine weitere Amtsperiode folgte, 1958/59 wurde er sogar Rektor der Universität. Die Schließung der Fakultät hatte es mit sich gebracht, dass Pascher während der Kriegsjahre 1940-1946 in Münster Pastoraltheologie und Religionspädagogik lehrte. Unter seinem Einfluss änderte sich auch der Name des Lehrstuhls von Lehrstuhl für Pastoraltheologie, Liturgik, Homiletik und Katechetik (bis WS 1956/1957) in Lehrstuhl für Pastoraltheologie und Liturgiewissenschaft (von SS 1957 bis WS 1957) und schließlich seit dem Sommersemester in den Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft und Pastoraltheologie, was eine folgenschwere Entwicklung bereits andeuten sollte, die in der späteren Trennung der beiden Fächer in zwei Lehrstühle schließlich ihren Endpunkt fand.

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Joseph Ratzinger schrieb in seinen Erinnerungen über Pascher, der von dem Dogmatiker Michael Schmaus aus Münster nach München mitgebracht worden war: „Pascher hatte einen interessanten geistigen Weg durchschritten: Er hatte zunächst Mathematik studiert, auch orientalische Sprachen gelernt, dann sich auf die Pädagogik und Religionswissenschaft eingelassen, die Mystik Philos von Alexandrien untersucht, um schließlich über die Pastoraltheologie zur Liturgik hinzufinden, die in den Münchener Jahren sein eigentliches Arbeitsgebiet wurde. Als Direktor des Georgianums war er für unsere menschliche und priesterliche Formung verantwortlich; er hatte diese Aufgabe ganz aus dem Geist der Liturgie heraus wahrgenommen und uns alle auf unserem spirituellen Weg wesentlich geprägt. Gerade die [...] verschiedenen Herkünfte unserer akademischen Lehrer haben der Fakultät eine große geistige Spannweite und inneren Reichtum gegeben, der die Studenten aus allen Teilen Deutschlands anzog.“  Bis 1960 hielt Pascher in München an dem nun umbenannten Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft und Pastoraltheologie Vorlesungen. Theologische Grundlinien seiner Lehre waren die Feier des Herrenmahls und daraus resultierend eine Leben in der Lebenseinheit mit dem eucharistischen Christus durch den gläubigen Mitvollzug der Messfeier. Seelsorgerischem Aktionismus hingegen, der vielfach in Leerlauf abgleite, erteilte Pascher eine strikte Absage.  Unter dem Pontifikat Johannes XXIII. wurde Pascher in die vorbereitende liturgische Konzilskommission berufen und von Julius Döpfner als theologischer Berater für die erste Sitzungsperiode des II. Vatikanums beauftragt.  Nach seiner Emeritierung übernahm sein Schüler Walter Dürig (1960-1980), der bei Pascher habilitiert hatte, den Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft und Pastoraltheologie. 1966 wurde der Lehrstuhl geteilt und es entstand ein eigener Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft, den Dürig weiter innehatte, und daneben der Lehrstuhl für Pastoraltheologie, der mit Leonhard Maria Weber (1967-1969) aus der Schweiz besetzt wurde.  Durch die neue anthropologische Wende der Theologie nach dem II. Vatikanum emanzipierte sich die Pastoraltheologie zum selbständigen Fach mit der adressatenbedingten Hinwendung zu den Human- und Sozialwissenschaften. Webers großes Anliegen war die Ehepastoral. Er verstarb an einem Herzinfarkt nach einer Vorlesung. Sein Nachfolger Hans Schilling (1971-1994) widmete sich vor allem Fragen im Grenzgebiet zwischen Pastoral und Pädagogik. Nach dreijähriger Lehrtätigkeit zog das noch in der Kaulbachstraße residierende Seminar für Pastoraltheologie 1976 in das universitäre Hauptgebäude in den Adalberttrakt um, wo es sich bis heute befindet. Schillings Nachfolger, der ehemalige Regens des Eichstätter Priesterseminars Ludwig Mödl (1995-2003) suchte in seinen Lehrveranstaltungen immer wieder den Bezug zur bildenden Kunst, wobei seine besondere Vorliebe dem Barock galt. 2004 löste ihn sein Nachfolger Andreas Wollbold ab, der mit seiner Antrittsvorlesung über die Kontemplative Pastoral neue Akzente setzte. Mit Wollbold hat den Münchener Lehrstuhl für Pastoraltheologie zudem wieder ein in der Pfarreiseelsorge tätiger Priester übernommen, dessen vornehmliches Interesse der Gemeindepastoral gilt, wovon sein gleichnamiges Handbuch zeugt.

Dr. Michaela Christine Hastetter