Katholisch-Theologische Fakultät
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Zum Jahresschluss

19.12.2019

Advent ist Zeit der Inkarnation, der Menschwerdung Christi. Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt (Joh 1,14). Der große französische Theologe und Kardinal Pierre de Bérulle (1575-1629) hat in seinem Hauptwerk, den Grandeurs de Jésus von 1623 (genauer: Le Discours de l'état et des grandeurs de Jésus), das Christentum einmal mit einer Akademie, einer Hochschule verglichen (Discours II). Doch ihr Propädeutikum, ihr erster Schritt, besteht nicht darin, sich sofort in die Anfangsgründe der einzelnen Disziplinen zu vergraben, sondern den Blick auf das große Ganze zu werfen. Das Ganze, das war für Bérulle das Geheimnis der Trinität und der Inkarnation, das er in seinen Schriften immer wieder umkreiste. Nicht umsonst wird er auch „Apostel der Inkarnation“ genannt. So ist er einer der großen Christozentriker. In den Grandeurs de Jésus nun vergleicht er die Inkarnation in deutlicher Anspielung an Platons Höhlengleichnis mit dem Hinaustreten ins strahlende Licht der Sonne, Christus. Bevor der Christ in dieser Akademie nämlich über seinen Glauben nachdenkt, schaut er aufs Ganze und staunt. Er tritt aus der Höhle hervor, schreitet empor auf einen Berg, die Sonne scheint hell und warm, und die ganze Pracht der Landschaft, das gewaltige Panorama der Welt breitet sich zum ersten Mal hell und klar vor ihm aus. In diesem Augenblick kann der Mensch noch nicht die Landschaft im Einzelnen vermessen und beschreiben, er kommt aus dem Staunen kaum heraus. Das helle Licht der Sonne, das diesen Panoramablick erst möglich macht, ist Christus, das fleischgewordene Wort. Dieses grandiose Bild nimmt vorweg, was die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanum, Gaudium et Spes, als Spitzensatz formulierte: "Tatsächlich klärt sich nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf“ (Gaudium et Spes 22). Übrigens macht Bérulle an dieser Stelle eine überraschende Entdeckung. Er sagt nämlich (zu Lebzeiten Galileo Galileis!), dass die These eines bedeutenden Wissenschaftlers (nämlich wohl Kopernikus), dass die Erde sich um die Sonne drehe und nicht umgekehrt, in seiner Zeit von den Naturwissenschaftlern zwar noch kaum angenommen wurde, den Theologen aber bestens anstünde. Denn so verstünden sie besser, dass Christus, die Sonne der Gerechtigkeit, im Mittelpunkt der Welt steht und alle Bewegung, alle Geschichte nur von ihm wie durch eine geistige Gravitation erhalten wird.

Doch genug mit dieser kleinen theologischen Meditation, die - so typisch für Bérulle - Dogmatik und Spiritualität miteinander verschmilzt. Am Ende des Jahres wünsche ich als Dekan allen Studierenden, allen Angehörigen und allen Freunden der Katholisch-Theologischen Fakultät der LMU, dass dieses Ende des Jahres zugleich ein Anfang ist wie der von Bérulle beschriebene. Nicht dass Sie sich das Jahr über in einer Höhle befunden hätten! Nein, das hoffe ich nicht. Aber dass Sie nun nach all den Details in Forschung und Lehre bereit sind für den großen Blick auf das Ganze, auf den Zusammenhang, auf die Welt in all ihrer Herrlichkeit, wie sie im Licht Christi erscheint. Das wäre mehr als ein angemessener Lohn für all Ihre Mühen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie in diesem Sinn weihnachtliche Menschen sind und es auch im Neuen Jahr bleiben. In diesem Geist viele Segenswünsche zum Fest der Inkarnation!

Ihr Andreas Wollbold
Dekan