Katholisch-Theologische Fakultät
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Grüne Reihe - Heft Öffentliche Theologie

Die Götter sind zurück – doch waren sie wirklich weg? Religionssoziologisch und gesellschaftlich hatte man sich lange im Theorem einer fortschreitenden Säkularisierung, einer Verdrängung und Privatisierung der Religion durch Fortschritt, Wissenschaft und Modernisierung eingerichtet. Dabei hat Religion in Deutschland trotz der Entflechtung von religiösem und damit hierzulande vor allem christlichem Glauben und moderner Kultur dieÖffentlichkeit nie ganz verlassen. Insbesondere die zunehmende Präsenz des Islam in westlichen Gesellschaften war und ist Treiber für Kontroversen um die öffentliche Rolle von Religion. Religion matters – sie erregt mediale Aufmerksamkeit und provoziert öffentliche Auseinandersetzungen und Konflikte. Die einen würdigen religiöse Werte und gläubiges Engagement, die anderen kritisieren religiöse Doppelmoral oder neue fundamentalistische Auswüchse. Gerade als Konfliktthema gibt es heute eine neue Art öffentlicher Präsenz des Religiösen.

Dabei geht es längst um Religion im Plural: Die „Wiederkehr der Götter“ ereignet sich als Vielstimmigkeit, in der der religiöse und kulturelle Pluralismus zum Prinzip geworden ist. Dieser ist jedoch von vielfältigen Ängsten begleitet, sei es in der Form eines generalisierten Verdachts gegen fundamentalistischen und gewaltbereiten Islam oder in der Form neuer Spielarten des Antisemitismus in Verbindung mit längst überholt geglaubten Verschwörungstheorien. Besonders Vertreterinnen und Vertreter der monotheistischen Religionen erheben ihre Stimmen im Ringen um öffentliche Anerkennung. Im modernen liberal-demokratischen Rechtsstaat der Religionsfreiheit dürfen sie das – ob und in welcher Form sie das auch sollen ist hingegen eine gesellschaftliche Dauerkontroverse. Kurzum: Postsäkularität und Säkularität koexistieren in einer letztlich unübersichtlichen Gemengelage gesellschaftlicher Veränderungsprozesse.

Das Comeback öffentlicher Religion auf den Bühnen der spätmodernen Welt betrifft auch Kirche und Theologie. Die öffentliche Gottesrede durch Verkündigung des Evangeliums ist schließlich elementarer Teil der Sendung der Kirche. Jesus Christus hat bei seinem Verhör vor dem Hohen Rat betont: „Ich habe offen vor aller Welt gesprochen. Ich habe immer in der Synagoge und im Tempel gelehrt (…). Nichts habe ich im Geheimen gesprochen“ (Joh 18,20 Einheitsübersetzung). Das Christentum gehört im Sinne des Evangeliums nicht ins Private abgedrängt. Es soll und will von seinem Selbstverständnis her öffentliche Religion sein. Das ist Grund genug, auch die Rolle der Theologie als wissenschaftlich reflektierte Form der christlichen Gottesrede in der Öffentlichkeit von heute neu zu reflektieren. Dabei geht es nicht um die Verteidigung von Privilegien, sondern um die religiöse Dimension des gesellschaftlichen Zusammenhaltes.

Das vorliegende Heft bietet einen solchen Reflexionsbeitrag unter Rückgriff auf das Konzept der Öffentlichen Theologie. Unsere Erörterungen geschehen aus der Perspektive der theologischen Fachdisziplin der Christlichen Sozialethik. Dieser fachspezifische Betrachtungswinkel liegt bei diesem Thema nahe, ist die Sozialethik doch dasjenige theologische Fach, das die hier skizzierte Gemengelage öffentlicher Belange im Kontext der ambivalenten Entwicklungen von zugleich säkularer und postsäkularer, zunehmend pluralistischer und von einer neuen Sehnsucht nach Homogenisierung durch Abschottung geprägter Gesellschaft reflektiert. Auch der digitale Strukturwandel in der Konstruktion von Öffentlichkeit bedarf in besonderer Weise der normativen Reflexion. In der Auseinandersetzung mit diesen Themen betreibt Christliche Sozialethik eine grundlegende Form theologischer „Öffentlichkeitsarbeit“ im wörtlichen Sinn.

Welche Öffentlichkeiten wir meinen, in denen Kirche und Theologie sich bewegen bzw. bewegen sollten, werden wir in einem ersten Schritt mit besonderem Blick auf den digitalen Wandel öffentlicher Kommunikation beleuchten. Auf diesem Hintergrund stellen wir das Konzept der Öffentlichen Theologie als Antwort auf die sich nun schon seit Jahren in postsäkulare Richtung bewegenden öffentlichen Diskurse vor. Hierauf folgt die Profilierung der Christlichen Sozialethik als Öffentliche Theologie sowie abschließend einige Überlegungen zur digitalen Wissenschaftskommunikation Christlicher Sozialethik.

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