Katholisch-Theologische Fakultät
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Auftaktveranstaltung zur Gründung des Münchner Ernährungsrates

münchner ernhährungsrat„Umweltethik und Essen“

Wir haben Fastenzeit und dabei spielt das Essen traditionell eine zentrale Rolle. Diese bietet eine breitenwirksame Chance für neue Synthesen aus christlicher Kultur und ökologischer Ethik sowie einer veränderter Alltagspraxis: 40 Tage Einübung in Distanz zu Konsumzwängen und die Fähigkeit zum Verzicht zugunsten einer Konzentration auf das, was wir wirklich brauchen. Das ist zugleich Einübung in bewusste Genussfähigkeit.

Viele verzichten auf Fleisch, auf Süßes, auf Alkohol, in jüngster Zeit auch nicht selten auf Plastik(-Verpackungen), Müllproduktion u.a. Empirische Untersuchungen zeigen, dass die neuen Sozialbewegungen des Fastens und der verantwortlichen Ernährung, seien sie religiös, ökologisch oder gesundheitlich motiviert, von vielen als Wiederentdeckung innerer Freiheit und Souveränität gegen eingeschliffene Routinen erfahren werden.

Die zivilgesellschaftlichen Erfahrungen zeigen aber auch, dass die Hoffnung durch individuelle Verhaltensänderungen und eine „Politik mit dem Einkaufskorb“ dauerhafte Veränderungen herführen zu können, trügt. „Ende der Märchenstunde“ nennt Katrin Hartmann diese ernüchternde Analyse. Es braucht auch politische und gesellschaftliche Initiativen, wie die heutige Gründung des Münchner Ernährungsrates. Es braucht Rahmenregelungen, wie z.B. das Verbot bestimmter Formen der Tierhaltung, oder die Internalisierung externer Kosten in der Preisgestaltung. Steuern nicht nur auf Alkohol und Zigaretten, sondern auch auf Lebensmittel, die besonders hohe ökologische Kosten erzeugen sind ein notwendiger Schritt in Richtung Wahrheit der Preise. Das ist nicht gegen freie Marktwirtschaft, sondern die Ermöglichung verantworteter Freiheit. Es braucht eine kohärente Ernährungspolitik, international, national und auch regional hier in München. Runde Tische könnten helfen, die Ernährungsbelage in den verschiedenen Ressorts abzustimmen.

Die Ernährungswende ist aus ethischer Sicht ein höchst spannungsreiches und spannendes Thema, dessen zielführende Bearbeitung eine neue Kombination ökologischer, ökonomischer, ernährungsphysiologischer, soziokultureller, politische, technischer und kommunikativer Vernunft vorrausetzt. Dazu nur einige Beispiele:

- Die Bevölkerungswissenschaftler gehen nicht mehr davon aus, dass sich die Zahl der Menschen bei 9 Mrd. stabilisieren wird, sondern dass diese auch auf 11 Mrd. wachsen könnte. Gleichzeitig ist bereits ein Viertel des fruchtbaren Bodens in den letzten 100 Jahren verloren gegangen und der Boden ist durch Klimawandel, Wasserknappheiten, Übernutzung, Flächenverbrauch sowie Flächenkonkurrenzen zu Bioenergie und nachwachsenden Rohstoffen weiterhin unter extrem hohem Druck. Ernährungssicherung in diesem komplexen Spannungsfeld ist eine Querschnittsaufgabe; sie braucht eine politische Strategie.

- Die Gleichzeitigkeit von Überfluss und dem Hunger von ca. 800 Millionen Menschen ist ein moralischer und politischer Skandal. Deutschland hat immer noch keine Strategie gegen die hohe Wegwerfquote von ca. 30% der Lebensmittel. Mit unseren hochsubventionierten Exporten zerstören wir Strukturen der Eigenversorgung in Ländern des Globalen Südens. Die Landwirtschaft ist mit ca. 10-12 % der Treibhausgas -ein maßgeblicher Klimafaktor, Zugleihc sit sie Hauptursache des Insektensterbens. Das gegenwärtige Ernährungssystem ist krank und nicht zukunftsfähig, weder für die Bauern, noch für die Konsumenten, noch für die Natur. Die Ernährungswende braucht eine Durchbrechung von Machtmonopolen und Denkblockaden.

- Die Digitalisierung schreitet auch im Bereich der Landwirtschaft erheblich voran und ändert das Berufsbild der Bauern massiv. „Precision farming“ und „vertical farming“ sind hierfür nur zwei Stichworte. Diese ermöglichen enorme Verbesserung an Effizienz, sei es durch gezielt und bedarfsgerecht reduzierte Ausbringung von Pestiziden oder durch Überwachung der Tiergesundheit. 20stöckige „Ernährungsfabriken“ in Städten können ohne Boden und mit deutlich weniger Transporten bis zu 50.000 Menschen ernähren. Der Anteil der Wertschöpfung durch Digitalisierung beträgt bei Landwirtschaftsmaschinen bereits ein Drittel, während er bei den vermeintlich so innovativen deutschen Autos lediglich 10% beträgt. Manche Innovation sind ethisch und kulturell ambivalent. Die Ernährungswende braucht Technik mit Augenmaß.

- Die Art, wie wir uns ernähren, ist mit tief sitzenden Emotionen und kulturellen Praxen verbunden. Verantwortliche Ernährung ist daher Bewährungsfeld für die Verbindung von Bildung, Aufklärung und Traditionspflege, nicht zuletzt auch von Handwerkskunst für eine gute Qualität der Lebensmittel in der gesamten Wertschöpfungskette und einer Kultur der Zubereitung und des Genießens. Die Ernährungswende braucht einen Kulturwandel, damit „Lebens-Mittel“ wieder als Mittel zum Leben wahrgenommen und zubereitet werden.

Die ethisch-politischen Chancen, Nebenwirkungen und Gestaltungsspielräume für all diese Entwicklungen sind schwer abzuschätzen. Der Ernährungsbereich ist Brennpunkt aktueller Konflikte und ungeahnter Chancen technischer Entwicklung sowie zivilgesellschaftlicher Mobilisierung. Er bedarf politischer Weitsicht in regionaler, nationaler und globaler Verantwortung. Die Ernährungswende kann und sollte zu einem Schrittmacher der Nachhaltigkeitspolitik werden. Jetzt. Hier in München als „silikon valley der Ernährungswende“.

 

Webseite des Münchner Ernährungsrates: https://ernaehrungsrat-muenchen.de/auftaktveranstaltung

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