Katholisch-Theologische Fakultät
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Meinung zur aktuellen Kreuzdebatte

Der Staat ist in Deutschland religiös und weltanschaulich neutral, genauer: er hat sich in dieser Weise zu verhalten. Daher verbietet das Grundgesetz eine Staatsreligion bzw. Staatskirche. Gleichzeitig begründet der Staat kein laizistisches Trennungsmodell: Der Staat soll sich eine Offenheit für die Religionen und Weltanschauungen seiner Bürger bewahren, gerade damit er selbst nicht religiös oder weltanschaulich geprägt wird. Zudem bleiben die religiösen Haltungen der Bürger dadurch demokratisch mobilisierbar. Der Staat tut gut daran, Religionen gleichermaßen als Ressourcen der Sinnstiftung zu fördern. Aus seiner Warte ist weder auszuschließen, dass in Religionen ein sonst nicht erkenn- bzw. motivierbares humanes Potential geborgen, noch, dass dieses Potential gerade nicht in den durch ihn möglicherweise privilegierten religiösen Gemeinschaften zu finden ist.

Auch wenn unsere Gesellschaft in erster Linie (jedoch keineswegs ausschließ-lich) christlich geprägt ist, lassen sich daraus somit keine Ansprüche auf kirchliche Privilegien ableiten. Vielmehr erscheint es klug, wenn die Kirchen selbst auf eine solche privilegierende Ungleichbehandlung verzichten, sollen sie ihrer Botschaft doch nicht mit Hilfe von Macht, sondern durch den Anspruch auf Wahrheit Ausdruck verleihen. Eine Religion, die nicht auf Wahrheit, sondern auf Macht vertraut, ist korrumpierbar, sie entkernt sich selbst. Außerdem könnte die in einer Mehrheitsposition erreichte privilegierte Stellung in einer Minderheitsposition verloren gehen und anderen religiösen Gemeinschaften zukommen, was eine Religion, die von der Richtigkeit ihres Glaubens überzeugt ist, kaum wollen kann.

Die Formulierung, das Kreuz sei „nicht Zeichen einer Religion, sondern für die geschichtlich-kulturelle Identität und Prägung Bayerns“, ist evident falsch. Zwar kann der Staat (und das mag der Sinn dieser Äußerung gewesen sein) auf dieses Symbol zuzugreifen, aber er greift dann auf einen zentralen Glaubensinhalt und nicht einfach auf etwas zu, was christliche Wurzeln hat, jedoch kulturell fortlebt, wie etwa ein Feiertag. Wo Christen zulassen, dass das Kreuz ohne seinen Glaubensbezug ausgestellt wird, verharmlosen sie es. Den Kirchen kann dieser staatliche Zugriff daher nicht recht sein, führt er doch zu einer Banalisierung des Kreuzes, das zum kulturgeschichtlichen Requisit herabgewürdigt wird. Ein derart musealisiertes Christentum hätte dann gar nicht mehr die Möglichkeit, sich kritisch gegenüber dem Recht zu verhalten. Das Kreuz sei „grundlegendes Symbol unserer bayerischen Identität und Lebensart“, heißt es. Doch was, wenn Identität und Lebensart christlichen Werten widersprechen?

Vielen ist das durchaus willkommen, weil damit ein Christentum beschrieben wird, das niemanden stört und unsere Lebensgewohnheiten nicht mehr in Frage stellt. Verräterisch dafür mag die Formulierung sein, die Kreuze sollen im Eingangsbereich von Behörden angebracht werden, sodass man damit nicht wirklich konfrontiert, sondern nur im Vorbeigehen befasst werde. Doch gründet unser Glaube in einer Haltung, die einen Menschen seines Widerstands wegen ans Kreuz und um sein Leben gebracht hat. Das Kreuz selbst wiederlegt alle Versuche seiner biederen Eingemeindung und touristischen Erschließung. Warum ein solchermaßen marginalisiertes Kreuz den Staat vor einer totalitären Haltung bewahren können soll, ist unerfindlich – genau das Gegenteil kann der Fall sein, wenn nämlich das Kreuz um seine Kraft gebracht wird, um eine paulinische Formulierung zu gebrauchen. Eben die staatliche Verbreitung des Kreuzes könnte eine religionsfeindliche oder zumindest säkularisierende Pointe entfalten: seine inflationäre Verbreitung vermag es bis zur Bedeutungslosigkeit zu schwä-chen.

Die Aussage, die Kritiker des erwähnten Erlasses bilden „eine unheilige Allianz aus Religionsfeinden und Selbstverleugnern“, ist alles andere als harmlos, sondern höchst alarmierend. Denn gerade wer das Kreuz achtet, ja ehrt, möchte darin ein Bekenntnis und nicht eine staatliche Verfügung sehen, er wird es als kostbar empfinden und nicht inflationär ge- und verbrauchen.

Anlässlich von Mozarts 200. Todestags gab es die (natürlich von niemandem befolgte) Empfehlung, seine Musik für ein Jahr nicht mehr erklingen zu lassen, um die Sehnsucht nach einer Musik, die selbst voller Sehnsucht ist, zu wecken. Was würde passieren, wenn wir für ein Jahr Kreuze nicht auf-, sondern abhängten? Würden sie uns fehlen? Würden wir sie schmerzlich vermissen? Wenn ja, unsere Sehnsucht nach Erlösung würde vermutlich gestärkt aus einer solchen Erfahrung hervorgehen.

Christof Breitsameter
(so auch im Pfarrbrief "Posaune" der Pfarrei St. Ludwig, München)