Katholisch-Theologische Fakultät
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Vorträge und Veranstaltungen

Gastvortrag zur Katechese in der Postmoderne (11. Juli 2022)

Die Theologin und Sozialpädagogin Anja Sedlmeier referierte am 11. Juli 2022 im Rahmen eines vom Lehrstuhl für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts veranstalteten Gastvortrags zu Voraussetzungen und Möglichkeiten katechetischer Formate in der Postmoderne. Sie konkretisierte ihre Überlegungen anhand der ‚Einfach-Leben-Kurse‘, eines mittlerweile seit vielen Jahren etablierten Kursformats zur Lebens- und Glaubensgestaltung im Erzbistum München-Freising. Basis ihres Vortrags war die im Rahmen ihres Theologiestudiums an der Universität Luzern erstellte Masterarbeit, in der sie das u.a. von ihr mitentwickelte Kursangebot wissenschaftlich dokumentiert, evaluiert, kritisch reflektiert und theologisch bzw. religionspädagogisch eingeordnet hat.

In seiner Einführung hob Prof. Dr. Alexander Maier, Lehrstuhlvertreter für Religionspädagogik und Betreuer der Masterarbeit, hervor, dass die Grundsituation der Postmoderne durch die Erschütterung fester Strukturen und klarer Vorgaben, wie Glaube und Leben gestaltet werden kann, gekennzeichnet sei. Dies ermögliche auf der einen Seite eine große Freiheit, die die Menschen auch nutzen sollten. Auf der anderen Seite wären Angebote der Orientierung dabei dringend nötig, um in der Auseinandersetzung mit ihnen den eigenen Weg zu finden, der freilich nicht mehr einer geraden Straße ähneln muss, sondern über Verzweigungen, Um- und Abwege und manches Mal auch über Sackgassen verfügt. Wie Katechese, z.B. in der Form von Kursen zur Lebens- und Glaubensgestaltung, Menschen dabei gewinnbringend unterstützen kann, war der Fokus des Referats von Anja Sedlmeier. Essentiell dabei sei es, dass Katechese die personale Verantwortung des Einzelnen für seinen Weg in den Mittelpunkt stelle und diesen nicht ‚klerikal-pastoral‘ zuweise.

Anja Sedlmeier skizzierte in ihrem Vortrag zunächst die Katechese unter den gegenwärtigen Bedingungen und stellte sodann das Konzept der ‚Einfach-Leben-Kurse‘ vor, wobei sie auch aufzeigte, inwiefern sich hier die grundsätzlichen religionspädagogischen Überlegungen zu Katechese in der Postmoderne konkret wiederfänden. Wichtig sei, auch das Konzept selbst fluide zu halten und immer wieder neu an die Menschen und ihre Suchbewegungen anzupassen, was beispielsweise an einem Modul des Kurses, „Frau sein-Mann sein“ deutlich werde. Diese Benennung sei in Zeiten des wachsenden gesellschaftlichen Bewusstseins für und Sichtbarkeit von LGBTQIA+ nicht mehr zeitgemäß. Zum Abschluss stellte sie die von ihr entwickelten Kriterien für Kurse zur Lebens- und Glaubensgestaltung vor und plädierte dabei insbesondere für die Unhintergehbarkeit der Biographieorientierung. Dass dies gerade kein ‚Ausverkauf‘ des christlichen Glaubens darstelle sondern vielmehr seine biblischen Wurzeln aktualisiere, verdeutlichte Anja Sedlmeier an der Haltung Jesu bei seiner Begegnung mit dem Blinden (Mt 10, 51f), bei der wesentliche Elemente von Katechese deutlich werden: Die Eigenverantwortung des Suchenden, die Präsenz Jesu (wenn man so will als personales Angebot) und die rettende Kraft des Glaubens bezogen auf die konkrete Not des Blinden.

Im Anschluss an den Vortrag stand Anja Sedlmeier dem Auditorium Rede und Antwort. Dieses setzte sich vor allem aus Studierenden der katholischen Theologie, aber auch aus für die Begleitung junger Menschen Verantwortlicher in pastoralen und hochschulischen Kontexten zusammen.

Kindheit - Eine Erfindung der frühen Neuzeit (23. März 2022)

Ein Irrtum und seine Rezeptionsgeschichte

Die These des Historikers Philippe Ariès (1914-1984), dass die Vorstellung von der Kindheit als eigenem Lebensabschnitt erst zwischen Mittelalter und der Moderne „entdeckt“ worden sei, wurde von ihm in dem ab 1975 auch auf Deutsch in zwischenzeitlich 17 Auflagen erschienenen Werk „Geschichte der Kindheit“ (frz. L’Enfant et la vie familiale sous l’Ancien Régime, Paris 1960) vertreten. Vor dieser Zeit hätte eine emotionale Nähe zwischen Kindern und ihren Eltern gefehlt. Sehr bald danach wurde diese Annahme in der Geschichtsforschung zurückgewiesen.

Dennoch zeigte sie sich vor allem in der Erziehungswissenschaft als ungeheuer populär. Sie wurde insbesondere in sozialwissenschaftlichen Kontexten vielfach aufgenommen und prägt das Nachdenken über Kindheit und deren historische Einordnung bis heute. Die Rede vom Kind als „kleinem Erwachsenen“ im „dunklen“ Mittelalter ist vielfach Allgemeingut geworden.

Warum konnte bzw. kann sich diese Vorstellung so lange behaupten? Auch Sabine Andresen und Klaus Hurrelmann beginnen etwa ihr verbreitetes Lehrbuch „Kindheit“ von 2010 mit der These des Kindes als kleinem Erwachsenen. Im Vortrag sollen zunächst die Thesen von Ariès sowie Kritikpunkte an ihnen seitens der Mittelalterforschung ab 1980 vorgestellt werden. Weiterhin soll ihre Rezeption in den historischen Zusammenhang mit Forschungsdiskursen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gestellt werden.

Termin: Mittwoch, 23. März 2022, 17.00 Uhr via ZOOM

Über den Arbeitskreis "Vormoderne Erziehungsgeschichte"

Die Tätigkeit des Erziehens ist wohl so alt wie die Menschheit selbst. Aus diesem Grund hat es sich der ‚Arbeitskreis Vormoderne Erziehungsgeschichte‘ (AVE) zur Aufgabe gemacht hat, aufzuzeigen, dass frühere Epochen nicht nur pädagogisch produktiv gewesen sind, sondern auch bis heute nachwirkende Muster von Erziehung geprägt haben. So haben bereits im Mittelalter die Frage nach dem Verhältnis von Sünde und Gnade, die höfisch-ritterliche Kultur und das sich entwickelnde städtisch-bürgerliche Milieu die Theorie und Praxis der Erziehung beständig herausgefordert. In der ‚Frühen Neuzeit‘ beflügelten z.B. Reformation, Konfessionalismus, Staatswohlinteressen, Humanismus und Aufklärung das Nachdenken über Erziehung und legten epochenübergreifende Grundlinien für die Pädagogik. Insofern nimmt der seit 1985 im Rahmen der Sektion ‚Historische Bildungsforschung‘ bestehende Arbeitskreis vor allem die Zeit vom Mittelalter bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts in den Blick. Charakteristisch für den AVE ist seine internationale Vernetzung sowie seine erprobte interdisziplinäre Arbeitsweise. Es gelingt ihm, Forscherinnen und Forscher aus unterschiedlichen Disziplinen – so etwa aus der Erziehungs-, Geschichts- und Literaturwissenschaft, der Theologie oder Philosophie – zusammenzubringen, um bildungshistorisch relevante Fragestellungen aus verschiedenen fachlichen Perspektiven zu beleuchten. Dabei sollen verstärkt auch außereuropäische Entwicklungen berücksichtigt werden. Am 23. März 2022 startet der AVE mit seinem neuen digitalen Vortragsformat ‚Vormoderne Bildungsgeschichte online‘, mit dem der fachliche Austausch zwischen den Tagungen angeregt werden soll. Weitere Informationen zum AVE sowie zu Veranstaltungen und Tagungen finden sich auf der Website der DGfE – Sektion 1 – Historische Bildungsforschung.

Mitarbeit im AVE

Sind Sie an einer aktiven Mitarbeit im AVE interessiert? Wenn Sie zu bildungshistorischen Themen der Vormoderne, d.h. von der Antike bis ca. zur Mitte des 19. Jahrhunderts forschen, dann sind Sie – unabhängig von Ihrer Fachdisziplin – im AVE herzlich willkommen. Wichtigstes Organ ist die regelmäßig tagende Mitgliederversammlung. Diese wählt auch das Sprechergremium. Durch die Mitarbeit in beiden Organen können Sie die inhaltliche Arbeit des AVE aktiv mitgestalten. Eine Mitgliedschaft in der DGfE ist nicht Voraussetzung für das Engagement.
Ihr kurzer Draht zum AVE und zur Aufnahme in den E-Mail-Verteiler: ave@dgfe.de

Das Sprechergremium des AVE besteht zurzeit aus…
Prof. Dr. Alexander Maier (Ludwig-Maximilians-Universität, München), Erster Sprecher des AVE
Prof. Dr. Martin Holý (Tschechische Akademie der Wissenschaften, Institut für Geschichte, Prag), Stellv. Sprecher des AVE
Jun.-Prof. Dr. Sebastian Engelmann (Pädagogische Hochschule Karlsruhe)
Michael Rocher (Universität Siegen)
Dr. Susanne Spieker (Universität Hamburg)